Der Tuchhändler

In Jaipur lebte ein Tuchhändler namens Rajib; sein Geschäft war klein, aber es war schon lange an diesem Ort – der Großvater seines Großvaters hatte es eröffnet, und die Familie hatte seither stets einen Sohn gehabt, der das Geschäft weiterführte. Sie hatten keine Reichtümer angesammelt, doch der Laden brachte immer ein gutes Auskommen. Nun aber eröffnete in derselben Straße, direkt gegenüber, ein neuer, großer Tuchladen – viel größer als das kleine Geschäft Rajibs. Er bekam Angst: Würde er mit seinem Geschäft überleben können? Zumindest würde er Kunden verlieren. Vielleicht würde er aber auch alles verlieren und müsste betteln gehen, seine Familie müsste darben und er würde in Armut sterben, ohne seinem Sohn etwas hinterlassen zu können. Er hatte ja nichts anderes gelernt – schon als Kind hatte er in dem Laden gespielt, später dort gelernt und seine Aufgaben gemacht. Rajib machte sich große Sorgen und konnte nachts nicht schlafen.

Früh am nächsten Morgen ging er zum Tempel und sprach mit dem weisen Brahmanen. Er berichtete ihm von seiner Sorge und bat um Rat. Sollte er Ganesha opfern? Oder müsse er sich geduldig seinem Schicksal ergeben?

Der Brahmane hörte still zu. Dann saß er noch eine Weile still da, bis er endlich sprach: »Jeden Morgen, wenn du dein Geschäft öffnest, zünde eine Räucherkerze für Ganesha an und bitte ihn, dein Geschäft zu segnen. Dann wende dich dem Tuchladen zu, den du jetzt als deinen Feind ansiehst, und segne ihn ebenfalls.«

Rajib zog die Stirn in Falten. »Ehrwürdiger, habe ich das richtig verstanden? Ich sollmeinen Konkurrenten, der mein Geschäft ruinieren wird und mich vielleicht in bittere Armut stürzt, auch noch segnen?«

Der Brahmane nickte. »Ja, denn die Güte in deinem Herzen wird dein Segen sein. Jede Bosheit, jeder Ärger, jede Angst, die du in deinem Herzen trägst, wird dich und das, woran dein Herz hängt, vergiften. Tu so, wie ich es dir gesagt habe, und sorge dich nicht weiter.«

Rajib zweifelte, doch er bedankte sich. Und er führte getreu aus, was ihm der Brahmane geraten hatte. Morgens, wenn er sein Geschäft öffnete, bat er Ganesha, den elefantenköpfigen Gott des Reichtums, ihn und sein Geschäft zu segnen. Dann betete er auch um Segen für seinen Konkurrenten gegenüber. Die ersten Tage kam ihn das schwer an, zumal viele Menschen den Laden auf der anderen Straßenseite aufsuchten. Doch er spürte, wie die Angst und der Hass allmählich aus seinem Herzen wichen. Und schließlich stellte er fest, dass der Laden gegenüber zwar gut besucht war – es kamen viel mehr Menschen in diese Straße als früher – doch viele kamen auch in seinen Laden. Am Ende des Monats stellte er fest, dass er mehr verdient hatte als in all den Jahren zuvor.

Er sprach mit seinem Nachbarn darüber; und dieser lachte und sprach: »Ja sicher, Rajib! Die Menschen sehen, dass du fromm bist und dich nicht fürchtest und keinen Hass in deinem Herzen trägst. Deshalb kommen sie eben gern zu dir, denn sie wissen, dass dein Wissen und deine Ware unvergleichlich sind!«

Am nächsten Morgen lief Rajib wieder zum Tempel und bedankte sich bei dem Brahmanen, der ihm einen so weisen Rat erteilt hatte.

 Quelle: R.Schweppe/Aljoscha Long, Füttere den weißen Wolf. Weisheitsgeschichten, die glücklich machen, München 2016

Zum Schmunzeln und Nachdenken

Johann war schon als Kind fromm erzogen worden. Er betete jeden Tag mehrfach und hatte eine sehr enge Beziehung zu Gott. Er erzählte Gott von all seinen Sorgen und fand in seinem Glauben Zuversicht, Geborgenheit und Liebe. Manchmal hatte er auch einen kleinen Wunsch, den er Gott in seinem Gebet vortrug und jedes Mal, wenn er das tat, ging dieser Wunsch in Erfüllung.

Als er als Kind Gott darum bat ihm zu helfen ein wichtiges Fußballspiel gegen die Jungs aus der Sonnenstraße zu gewinnen, konnte er den himmlischen Beistand auf dem Feld quasi spüren. Sein Team gewann mit 3 Toren Vorsprung.

Als er als Jugendlicher Gott darum bat ihm zu helfen das Herz von Irmtraud zu erobern, konnte er sein Glück kaum fassen, als er zwei Tage später mit ihr auf dem Herbstfest tanzte.

Als er ein paar Jahre später Gott darum bat ihm zu helfen, das Wohlwollen von Irmtrauds Vater zu sichern, konnte er es kaum fassen als dieser ihn, als er um die Hand seiner Tochter anhielt, in die Arme schloss.

Als er Gott bat ihm zu helfen eine Wohnung für sich und Irmtraud zu finden, war es wie ein Wunder, als seine Tante ihm und Irmtraud ihr Haus überlies, weil sie selbst in eine Wohnung ohne Treppen zog.

So gab es viele große und kleine Bitten im Leben, die Gott Johann erfüllte. Nur bei einer Sache half Gott Johann nicht. Jeden Abend, seit seinem 16. Geburtstag bat Johann Gott um einen Lottogewinn. Er hatte ein schönes Leben, aber mit einem Lottogewinn wäre es noch um einiges einfacher gewesen. Doch egal wie oft er Gott um den Lottogewinn bat, der Wunsch ging nicht in Erfüllung. Als er im Alter von 99 Jahren starb, hatte er Gott über 30.000 Mal darum gebeten. Vergeblich.

Im Himmel angekommen, fragte er Gott:

„Herr, warum hat du mir gerade diesen einen Wunsch verwehrt?“

Gott musterte ihn nachdenklich:

„Johann, jeden Tag, wollte ich dir deine Bitte erfüllen. Jeden Tag habe ich darauf gewartet, dass du einen Lottoschein ausfüllst, aber du hast es nicht einmal getan!“

Über die Wahrheit – ein aktuelle Geschichte

Die Blinden und der Elefant

In einem fernen Land stritten sich die Gelehrten einmal darüber, was Wahrheit ist. Der König, ein wirklich weiser Mann, rief daraufhin einige Blinden zu sich und bat sie, einen Elefanten zu betasten. Danach fragte er, was denn ein Elefant ist. Der Blinde, der die Ohren berührt hatte, sagte, dass ein Elefant groß und platt ist, derjenige, der den Rüssel berührt hatte, sagte, dass ein Elefant lang und rund wie ein Rohr ist. „Nein, das stimmt nicht“, rief ein anderer, „ein Elefant ist so stämmig wie eine Säule“. Dieser Blinde hatte die Beine betastet. Der vierte Blinde berichtete, dass seiner Meinung nach ein Elefant lang und glatt und am Ende spitz ist. Er meinte damit die Stoßzähne. Schließlich unterbrach der König sie und sagte: „Ihr habt alle recht, aber jeder hat nur ein kleines Stück des Elefanten beschrieben. Genauso ist es mit der Wahrheit: Was wir sehen oder wahrnehmen, ist oft nur ein kleiner Teil dessen, was wirklich ist.“